Es gibt Ereignisse, die eine Stadt plötzlich aus ihrem Alltag reißen. Die angekündigte Bombenentschärfung in der östlichen Innenstadt von Pforzheim gehört zweifellos dazu. Zehntausende Menschen müssen ihre Wohnungen verlassen, Straßen werden gesperrt, der Bahnverkehr eingeschränkt, ganze Stadtviertel wirken für einige Stunden wie angehalten.
Und doch ist die eigentliche Ursache dafür mehr als achtzig Jahre alt.
Bei Bauarbeiten wurde in der Oststadt eine schwere Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg entdeckt – ein Blindgänger aus einer Zeit, die für Pforzheim bis heute Teil des kollektiven Gedächtnisses geblieben ist. Kaum eine deutsche Stadt wurde im Krieg so schwer zerstört wie Pforzheim. Der Luftangriff vom 23. Februar 1945 hat die Stadt dauerhaft geprägt, nicht nur architektonisch, sondern auch emotional. Dass noch immer Bomben im Boden liegen, ist deshalb keine abstrakte historische Tatsache, sondern eine beinahe greifbare Erinnerung daran, wie lange Geschichte nachwirken kann.
Vielleicht liegt gerade darin etwas Verstörendes: Der Krieg ist vorbei, die Stadt längst wieder aufgebaut, Menschen gehen einkaufen, fahren zur Arbeit oder spazieren durch die Oststadt – und wenige Meter unter der Erde liegt noch immer ein Relikt jener Nacht.
Die Bombenentschärfung am 17. Mai macht diese Vergangenheit plötzlich wieder sichtbar.
Schon die Dimension der Evakuierung zeigt, wie ernst die Lage genommen wird. Tausende Menschen müssen ihre Wohnungen verlassen, manche vermutlich früh am Morgen mit gepackten Taschen und einem etwas mulmigen Gefühl. Für viele wird es vor allem organisatorisch unbequem sein. Für andere vielleicht auch emotional. Denn eine geräumte Innenstadt hat etwas Unwirkliches. Straßen ohne Menschen, geschlossene Geschäfte, kaum Verkehr – eine seltsame Ruhe mitten in einer sonst lebendigen Stadt.
Ich selbst wohne knapp außerhalb der Evakuierungszone. Das führt zu diesem merkwürdigen Gefühl, gleichzeitig betroffen und doch nicht unmittelbar betroffen zu sein. Nah genug, um die Auswirkungen deutlich zu spüren, aber weit genug entfernt, um nicht selbst die Wohnung verlassen zu müssen. Vermutlich wird man an diesem Sonntag überall in Pforzheim etwas von dieser angespannten Stimmung merken.
Dabei ist bemerkenswert, wie routiniert solche Situationen heute organisiert werden. Feuerwehr, Polizei, Rettungsdienste und Kampfmittelbeseitiger arbeiten nach klaren Abläufen. Trotzdem bleibt ein Rest Unsicherheit. Eine Bombe dieser Größe ist kein gewöhnlicher Fund. Dass ganze Stadtteile geräumt werden, zeigt, welche Kräfte dort noch immer verborgen liegen.
Vielleicht erinnert uns dieser Tag auch daran, wie dünn manchmal die Schicht zwischen Gegenwart und Vergangenheit ist. Städte bestehen nicht nur aus Gebäuden und Straßen, sondern auch aus Erinnerungen. Manche davon liegen offen sichtbar auf Denkmälern und Friedhöfen. Andere liegen unsichtbar im Boden – bis ein Bagger sie wieder ans Licht bringt.
Und so wird dieser Sonntag vermutlich mehr sein als nur eine technische Entschärfung. Er wird für einige Stunden zeigen, wie eng Pforzheims Gegenwart noch immer mit seiner Geschichte verbunden ist.