mbti

Vier Buchstaben und viele Fragen

Als ich vor Kurzem in einem Podcast vom Myers-Briggs-Typenindikator hörte, wurde meine Neugier geweckt. Persönlichkeitstests begegnen einem schließlich überall: in Zeitschriften, auf Karriereportalen oder in sozialen Netzwerken. Viele Menschen kennen inzwischen ihren Persönlichkeitstyp fast so selbstverständlich wie ihr Sternzeichen.

Also habe ich selbst einen Test gemacht. Das Ergebnis: „Protagonist“ (ENFJ-A). Einige Beschreibungen wirkten überraschend treffend, andere weniger. Das brachte mich zu der Frage, was eigentlich hinter diesem Modell steckt. Wie funktioniert der Myers-Briggs-Typenindikator? Warum ist er so beliebt? Und wie beurteilt ihn die Wissenschaft?

Was ist der Myers-Briggs-Typenindikator?

Der Myers-Briggs-Typenindikator, meist kurz MBTI genannt, wurde in den 1940er-Jahren von Katharine Briggs und ihrer Tochter Isabel Myers entwickelt. Grundlage waren Ideen des Schweizer Psychiaters Carl Gustav Jung, der davon ausging, dass Menschen Informationen unterschiedlich wahrnehmen und verarbeiten.

Das Modell beschreibt die Persönlichkeit anhand von vier Dimensionen:

Extraversion (E) oder Introversion (I)
Bezieht sich darauf, ob Menschen ihre Energie eher aus sozialen Kontakten oder aus der Zeit mit sich selbst beziehen.

Sensing (S) oder Intuition (N)
Beschreibt, ob jemand eher auf konkrete Fakten oder auf Möglichkeiten, Muster und Zusammenhänge achtet.

Thinking (T) oder Feeling (F)
Geht der Frage nach, ob Entscheidungen eher logisch oder stärker werte- und beziehungsorientiert getroffen werden.

Judging (J) oder Perceiving (P)
Beschreibt die Vorliebe für Struktur und Planung beziehungsweise für Flexibilität und Offenheit.

Aus diesen vier Dimensionen entstehen insgesamt 16 Persönlichkeitstypen mit Bezeichnungen wie „Architekt“, „Mediator“, „Logistiker“ oder eben „Protagonist“.

Warum ist der MBTI so beliebt?

Die Popularität des Modells überrascht nicht. Die Beschreibungen sind leicht verständlich und meist positiv formuliert. Wer sein Ergebnis liest, erkennt oft vertraute Verhaltensweisen wieder und fühlt sich verstanden.

Hinzu kommt, dass der MBTI eine gemeinsame Sprache anbietet, um über Persönlichkeit zu sprechen. Statt lange zu erklären, wie man denkt oder arbeitet, genügt scheinbar eine vierstellige Buchstabenkombination.

Gerade in einer Zeit, in der viele Menschen auf der Suche nach Orientierung und Selbstverständnis sind, wirkt ein solches Modell attraktiv. Es verspricht keine komplizierte psychologische Fachsprache, sondern einfache Kategorien, in denen man sich wiederfinden kann.

Die wissenschaftliche Sicht

So beliebt der Myers-Briggs-Typenindikator ist, so kritisch wird er von vielen Psychologinnen und Psychologen betrachtet.

Ein zentraler Kritikpunkt ist die mangelnde Stabilität der Ergebnisse. Menschen, die den Test nach einiger Zeit erneut durchführen, erhalten nicht selten einen anderen Persönlichkeitstyp. Das wirft die Frage auf, wie zuverlässig die Einteilung tatsächlich ist.

Darüber hinaus teilt der MBTI Menschen in feste Kategorien ein. Die Realität ist jedoch meist fließender. Nur wenige Menschen sind ausschließlich introvertiert oder extravertiert. Viele bewegen sich irgendwo zwischen diesen Polen.

In der wissenschaftlichen Persönlichkeitsforschung hat sich deshalb vor allem das sogenannte Big-Five-Modell etabliert. Dort werden Eigenschaften nicht als Entweder-oder-Kategorien betrachtet, sondern auf Skalen beschrieben. Dieses Modell gilt als deutlich besser erforscht und empirisch abgesichert.

Das bedeutet allerdings nicht, dass der MBTI völlig wertlos wäre. Seine Stärke liegt weniger in wissenschaftlicher Präzision als darin, Denkanstöße zu liefern und zur Selbstreflexion anzuregen.

Mein persönlicher Eindruck

Mein Ergebnis lautete „Protagonist“ (ENFJ-A). Einige Aspekte der Beschreibung erschienen mir durchaus nachvollziehbar. Andere wirkten eher allgemein gehalten oder ließen genügend Interpretationsspielraum, damit sich viele Menschen darin wiederfinden können.

Genau darin liegt für mich der interessante Punkt: Der Test hat mir keine verborgenen Wahrheiten über meine Persönlichkeit offenbart. Er hat mich vielmehr dazu gebracht, über bestimmte Eigenschaften, Verhaltensweisen und Vorlieben nachzudenken.

Vielleicht ist das auch die sinnvollste Art, den Myers-Briggs-Typenindikator zu betrachten: nicht als wissenschaftlich exakte Vermessung der Persönlichkeit, sondern als Werkzeug zur Selbstreflexion. Die Ergebnisse können ein Ausgangspunkt sein, um über sich selbst nachzudenken – nicht jedoch das endgültige Urteil darüber, wer man ist.

Fazit

Der Myers-Briggs-Typenindikator gehört zu den bekanntesten Persönlichkeitstests der Welt. Seine große Stärke liegt in seiner Verständlichkeit und darin, Menschen einen niedrigschwelligen Zugang zum Thema Persönlichkeit zu ermöglichen.

Wissenschaftlich betrachtet gibt es jedoch erhebliche Schwächen. Wer den MBTI als unterhaltsamen Denkanstoß versteht, kann durchaus etwas daraus mitnehmen. Wer ihn als exakte Beschreibung der eigenen Persönlichkeit betrachtet, sollte vorsichtig sein.

Letztlich bleibt die Persönlichkeit eines Menschen komplexer als vier Buchstaben. Und vielleicht ist genau das eine beruhigende Erkenntnis.

Mich würde interessieren: Habt ihr den Test ebenfalls schon einmal gemacht? Und falls ja – habt ihr euch in eurem Ergebnis wiedergefunden oder haltet ihr den Myers-Briggs-Typenindikator eher für ein psychologisches Horoskop?

Sumobaer

Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar – Antoine de Saint-Exupéry

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