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Ach, zu dem Song muss ich dir noch eine Geschichte erzählen …

Es gibt Bücher über Musik, die wollen möglichst vollständig sein. Sie listen Jahreszahlen auf, ordnen Alben ein, erklären Besetzungswechsel und wissen genau, wann welcher Song welchen Platz in welcher Hitparade erreicht hat.

Und dann gibt es Bücher, die einfach Geschichten erzählen.

„Der Große Schneidewind – Hits & Storys“ von Günter Schneidewind gehört eindeutig zur zweiten Sorte. Und vielleicht macht gerade das den besonderen Reiz dieses Buches aus.

Das wandelnde Musiklexikon

Wer über viele Jahre SWR1 Baden-Württemberg gehört hat, dem dürfte der Name Günter Schneidewind nicht ganz unbekannt sein. Unter seinen Kollegen und Hörern galt der Radiomoderator und Musikredakteur als wandelndes Lexikon der Rock- und Popgeschichte. Der Spitzname „Der Große Schneidewind“ war dabei eine augenzwinkernde Anspielung auf den „Großen Brockhaus“.

Dass hinter diesem Wissen weit mehr steckt als ein gut gefülltes Gedächtnis, zeigt schon ein Blick auf seine Biografie.

Schneidewinds Radiokarriere begann beim DDR-Jugendradio DT64. Noch vor der deutschen Wiedervereinigung kam er 1990 für ein gemeinsames Radioprojekt nach Stuttgart. DT64 und SDR3 veranstalteten damals gemeinsam die „Top 2000 D“, die erste deutsch-deutsche Hitparade. Aus diesem zunächst zeitlich begrenzten Ausflug in den Süden wurde schließlich eine jahrzehntelange Radiokarriere bei SDR und später SWR.

Und in diesen Jahren passierte etwas, von dem dieses Buch ganz wesentlich lebt: Günter Schneidewind traf Musiker.

Viele Musiker.

Wenn aus Musik Geschichten werden

David Bowie, Ian Gillan, Jimmy Page, Joe Cocker, Carlos Santana, Mitglieder von Toto und Genesis und viele andere tauchen in Schneidewinds musikalischer Welt auf.

Aber „Hits & Storys“ ist keine Sammlung klassischer Musikerbiografien. Schneidewind interessiert sich vielmehr für die kleinen und großen Geschichten hinter der Musik.

Wie entstand ein bestimmter Song? Woher kam eine Idee? Wer war zufällig im Studio dabei? Was geschah bei einer Aufnahme? Und manchmal auch: Wie konnte aus einer eher unscheinbaren Ausgangsidee plötzlich ein Lied werden, das Jahrzehnte später noch immer im Radio läuft?

Dabei merkt man schnell, welchen Vorteil Schneidewind gegenüber einem Autor hat, der seine Informationen ausschließlich aus Archiven und anderen Büchern zusammentragen muss: Vieles hat er von den Musikern selbst erfahren.

Da erzählt beispielsweise Joe Cocker von „With A Little Help From My Friends“. Ursprünglich natürlich ein Beatles-Song, machte Cocker daraus 1968 etwas vollkommen Eigenes. Und bei der Aufnahme saß ein Gitarrist im Studio, dessen Name kurze Zeit später noch erheblich bekannter werden sollte: Jimmy Page.

Genau solche Geschichten sind es, die dieses Buch ausmachen.

Plötzlich hört man genauer hin

Mir gefällt daran besonders, dass sich durch diese Anekdoten manchmal der eigene Blick auf bekannte Musik verändert.

Viele der Künstler im Buch kenne ich natürlich. Viele ihrer Songs habe ich unzählige Male gehört. Manche begleiten mich schon seit Jahrzehnten.

Und trotzdem weiß ich erstaunlich wenig darüber, was geschah, bevor aus einer Idee genau der Song wurde, den ich heute kenne.

Schneidewind öffnet kleine Türen hinter die Kulissen. Danach ist der Song noch derselbe – und irgendwie doch nicht mehr ganz. Beim nächsten Hören erinnert man sich vielleicht an eine Geschichte aus dem Buch, an eine ungewöhnliche Begegnung oder an einen Zufall während der Entstehung.

Musik bekommt dadurch eine zusätzliche Ebene.

Kein Lexikon – zum Glück

Bei einem Mann, der als wandelndes Musiklexikon bekannt geworden ist, könnte man ein entsprechendes Buch erwarten. Genau das ist „Hits & Storys“ aber nicht.

Man muss es nicht von vorne bis hinten durcharbeiten. Man darf darin blättern, bei einem bekannten Namen hängenbleiben, ein paar Seiten lesen und anschließend vielleicht erst einmal den entsprechenden Song hören.

Überhaupt fühlt sich das Buch für mich weniger nach Nachschlagen als nach Zuhören an.

Das dürfte auch mit Schneidewinds jahrzehntelanger Arbeit beim Radio zusammenhängen. Er vermittelt sein enormes Wissen nicht mit erhobenem Zeigefinger. Er erzählt. Eine Geschichte führt zur nächsten, ein Musiker erinnert an einen anderen, und ehe man sich versieht, ist man ein paar Jahrzehnte durch die Rock- und Popgeschichte gereist.

Vielleicht ist das auch der Unterschied zwischen einem Musikexperten und einem Musikliebhaber, der zufällig sehr viel weiß.

Bei Günter Schneidewind hat man nie das Gefühl, dass er zeigen möchte, wie viel er weiß. Vielmehr scheint er dieses Wissen teilen zu wollen, weil er selbst noch immer von diesen Geschichten begeistert ist.

Und Begeisterung ist bekanntlich ziemlich ansteckend.

Begegnungen statt Wikipedia-Wissen

Besonders interessant wird das Buch immer dann, wenn Schneidewinds eigene Begegnungen mit den Musikern ins Spiel kommen.

Denn über die großen Karrieren von David Bowie, Deep Purple, Led Zeppelin oder Santana ist wahrlich genug geschrieben worden. Doch persönliche Gespräche liefern manchmal jene kleinen Momente, die in einer klassischen Biografie gar keinen Platz finden würden.

Genau dort wird aus einer berühmten Persönlichkeit wieder ein Mensch.

Vielleicht ist das überhaupt eine der schönsten Eigenschaften dieses Buches: Die großen Namen bleiben groß, aber sie rücken ein Stück näher.

Schneidewind begegnete vielen seiner Gesprächspartner nicht als Fan auf der Jagd nach einer Anekdote, sondern als hervorragend vorbereiteter Musikjournalist, der sich tatsächlich für ihre Arbeit interessierte. Und offenbar merkten das auch seine Gesprächspartner.

So entstanden Gespräche, aus denen manchmal mehr hervorging als die üblichen Antworten einer Promotiontour.

Eine Reise durch die eigene Musiksammlung

Natürlich hängt der Spaß an einem solchen Buch auch davon ab, welche Musik man selbst hört. Wer mit Rock und Pop der vergangenen Jahrzehnte überhaupt nichts anfangen kann, wird vermutlich weniger häufig begeistert innehalten.

Für alle anderen besteht allerdings eine gewisse Gefahr.

Man liest ein Kapitel.

Dann möchte man nur ganz kurz den erwähnten Song hören.

Beim Suchen entdeckt man ein anderes Stück desselben Künstlers.

Und zwei Stunden später fragt man sich, warum man eigentlich mit einem Buch auf dem Sofa sitzt und inzwischen bei einem Konzertmitschnitt aus den Siebzigern angekommen ist.

Ich halte das für eine ausgesprochen angenehme Nebenwirkung eines Musikbuches.

Geschichten, die bleiben

„Der Große Schneidewind – Hits & Storys“ hat mir wieder einmal gezeigt, warum ich solche Bücher mag.

Musik besteht eben nicht nur aus Melodien, Texten und Akkorden. Hinter jedem Lied stehen Menschen, Situationen, Entscheidungen und manchmal schlicht glückliche Zufälle.

Günter Schneidewind hat im Laufe seiner Radiokarriere viele dieser Geschichten gesammelt. Einige hat er recherchiert, viele wurden ihm von den Menschen erzählt, die selbst dabei waren.

Und genau deshalb liest sich dieses Buch nicht wie ein Nachschlagewerk.

Es fühlt sich eher an wie ein langer Abend mit jemandem, der unglaublich viel Musik gehört, unglaublich viele Musiker getroffen hat und irgendwann sagt:

„Ach, zu dem Song muss ich dir noch eine Geschichte erzählen.“

Und dann hört man eben noch eine.

Und noch eine.

schneidewind

Sumobaer

Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar – Antoine de Saint-Exupéry

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